

Asoziale Medien – je mehr Konsum, desto weniger soziale Fähigkeiten?
2/5/20264 min read
Jugendpsychiater über Social Media
von Nina Unterberg
Soziale Medien sind für viele Jugendliche ein selbstverständlicher Teil des Alltags. Welche Auswirkungen der intensive Konsum auf psychische Gesundheit, Entwicklung und soziales Verhalten haben kann, erklärt Dr. med. Kohlmann, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, im Interview.
Wie erleben Sie die Rolle von Social Media im Praxisalltag und deren Entwicklung?
Dr. med. Kohlmann beobachtet seit Jahren zunehmend Zusammenhänge zwischen der Nutzung sozialer Medien und psychischen Erkrankungen. Besonders in den letzten Jahren habe die Relevanz des Themas in seiner Praxis deutlich zugenommen. Einen entscheidenden Einfluss sieht er in der Corona-Pandemie: Soziale Kontakte konnten zeitweise fast ausschließlich über digitale Medien aufrechterhalten werden. Dieses prägende Ereignis habe eine bereits bestehende Entwicklung zusätzlich beschleunigt.
Welche Plattformen spielen aus Ihrer Sicht die größte Rolle?
Einen vollständigen Überblick über die tatsächlich genutzten Plattformen erhält er in der Praxis nicht, da er auf die Angaben der Jugendlichen angewiesen ist. Häufig genannt werden jedoch WhatsApp, das bereits bei Kindern um die zehn Jahre verbreitet ist, sowie Snapchat, Instagram und TikTok, insbesondere bei älteren Jugendlichen. Privat geht der Jugendpsychiater mit dem Thema bewusst restriktiv um: Seine eigenen Kinderbesitzen mit 14 Jahren weder Instagram noch TikTok und das möchte er, so lange es möglich ist, auch so beibehalten.
Wie wirken Empfehlungsalgorithmen auf Aufmerksamkeit und Schlaf?
Empfehlungsalgorithmen bezeichnet Dr. med. Kohlmann als hochproblematisch. Vor allem Kurzformate mit schnellen Reizwechseln können das Aufmerksamkeitsvermögen negativ beeinflussen. Die Funktionsweise vergleicht er mit Glücksspiel, ähnlich wie beim einarmigen Banditen werde immer weiter „gezogen“ in der Hoffnung auf den nächsten kurzen Belohnungseffekt. Dadurch werde vor allem kurzfristige Konzentration trainiert, was langfristig zu einer Abnahme der Aufmerksamkeit führen könne. Auch das Schlafverhalten leidet unter unkontrolliertem Medienkonsum. Entscheidend sei dabei das Verhalten der Eltern. Werde das Smartphone rechtzeitig vor dem Schlafengehen ausgeschaltet, spiele Social Media oft keine große Rolle. Bleibe die Nutzung jedoch unreguliert, gehe häufig das Zeitgefühl verloren, was zu späterem Schlafen gehen führe. Zusätzlich erschwere das Bildschirmlicht das Einschlafen erheblich.
Welche Effekte beobachten Sie in Ihrer Praxis besonders häufig?
Ein zentrales Thema ist die Impulskontrolle. Eltern berichten häufig von starker Reizbarkeit ihrer Kinder, insbesondere wenn versucht wird, sie vom Bildschirm wegzuholen. Bei geregeltem Medienkonsum seien jedoch oftmals positive Veränderungen festzustellen. Darüber hinaus haben soziale Medien nachweislich Einfluss auf die sozioemotionale Entwicklung. Dr. med. Kohlmann spricht in diesem Zusammenhang bewusst von „asozialen Medien“: Je höher der Konsum, desto geringer seien häufig die sozialen Fähigkeiten im realen Umfeld, begleitet von zunehmendem Rückzug. Dies könne soziale Ängste, Vereinsamung oder depressive Entwicklungen verstärken, insbesondere seit der Corona-Pandemie. Auch bei Essstörungen spiele Social Media eine große Rolle, in der Praxis sei es eine Standardfrage, wie das Essverhalten beeinflusst wird. Da die intensive Beschäftigung mit dem Thema Essen häufig bei den Sozialen Medien ihren Ursprung habe, kommen die Mitarbeiter auch hierbei häufig auf das Thema zu sprechen.
Ab wann sprechen Sie von einer problematischen Nutzung?
Problematischer Konsum lasse sich nicht an einer festen Nutzungsdauer festmachen, sondern an bestimmten Kriterien, ähnlich wie bei Alkohol-, Drogen- oder Videospielsucht. Kritisch werde es, wenn andere Hobbys vernachlässigt werden, sichInteressen stark einengen, schulische Leistungen abfallen, vermehrt Konflikte auftreten oder Entzugserscheinungen wie Nervosität, Unruhe oder aggressives Verhalten beobachtet werden. Auch wenn Angehörige den Medienkonsum als belastend empfinden, sei dies ein Warnsignal. Bleiben Schule, soziale Beziehungen und Interessen trotz hoher Nutzung stabil, sei der Konsum zwar nicht ideal, aber nicht zwangsläufig problematisch. Entscheidend seien Alter und Reifegrad der Jugendlichen.
Welche positiven Effekte sehen Sie bei der Nutzung von Social Media?
Trotz der Risiken sieht Dr. med. Kohlmann auch positive Aspekte. Vor allem die kreative Nutzung sozialer Medien bewertet er als durchaus gewinnbringend und gibt an, sich davon selbst gelegentlich inspirieren zu lassen. Entscheidend sei jedoch der bewusste Umgang: Social Media könne, ähnlich wie ein Werkzeug, konstruktiv oder schädlich eingesetzt werden. Zudem ermögliche es insbesondere bei Älteren Kontakte zu pflegen oder neu zu knüpfen sowie Aktivitäten zu planen. Auch Peer‑Support könne hilfreich sein, berge jedoch die Gefahr, sich in problematischen Meinungsblasen zu verlieren.
Welche Strategien helfen Jugendlichen im Umgang mit Social Media?
Grundvoraussetzung für Veränderungen ist laut Dr. med. Kohlmann die eigene Motivation. Nur wer etwas ändern möchte, könne von Maßnahmen profitieren. Hilfreich seien unter anderem festgelegte Bildschirmzeiten, die über Apps oder Systemeinstellungen geregelt werden können. Ebenso wichtig sei ein bewusster Umgang mit digitalen Medien: bildschirmfreie Zeiten einplanen, das Handy gezielt zu Hause lassen oder es beispielsweise während der Hausaufgaben ausschalten.
Abschließend: Chance, Risiko oder beides?
„Je jünger, desto größer die Risiken“, fasst Dr. med. Kohlmann zusammen. Mit zunehmendem Alter und geistiger Reife könne Social Media jedoch reflektierter genutzt werden und durchaus auch Chancen bieten. Persönlich sei er froh, dass es in seiner Jugend keine sozialen Medien gegeben habe, da diese ihn möglicherweise daran gehindert hätten, reale Kontakte zu knüpfen, auszugehen und Freundschaften im echten Leben zu pflegen.


Dr. med. Bernd M. Kohlmann
Facharzt für Kinder- & Jugendpsychiatrie