Digitale Dauerbegleiter: Der Einfluss von Sozialen Medien auf Jugendliche

2/5/20263 min read

von Romeo Gayon

Interview mit Laura Niess(22), Absolventin des Bachelor of Arts in Sozialwissenschaften und Studentin im Masterstudiengang Empirische Politik- und Sozialforschung an der Universität Stuttgart.

Inwiefern haben gesellschaftliche Ereignisse (z. B. Digitalisierung, Pandemie) den Social-Media-Konsum von Jugendlichen beeinflusst?

Laura Niess: Es gibt ein wachsendes Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen. Jugendliche suchen Orientierung in sozialen Medien, aber geraten dort oft in „Partisan Media Spaces“, also digitale Räume, die extrem einseitig und parteiisch ausgerichtet sind und in denen man kaum objektive Nachrichten bekommt. Durch politische und gesellschaftliche Krisen, wie zum Beispiel die Pandemie, verstärkt sich die Tendenz, sich in Gruppen aufzuhalten, die eine geteilte Realität und ähnliche Ansichten bieten.

In diesen Räumen ist der informierte Diskurs irrelevant. Es geht weniger darum, ob eine Information faktisch wahr ist, sondern vielmehr um das Gefühl, zu den „Richtigen“ zu gehören und die eigene Identität gegen „die anderen“ zu verteidigen.

Welche Bedeutung haben Social Media im Alltag Jugendlicher? Eher als Kommunikationsmittel, Unterhaltungsplattform oder Teil der Identitätsbildung?

Laura Niess: Social Media hat sich von einem reinen Kommunikationsmittel zu einem Ort der Identitätsbildung entwickelt. Menschen konsumieren Informationen oft auf eine Art und Weise, die ihre eigene Identität stärken soll. Informationen werden so gefiltert, dass sie das eigene Weltbild unterstützen und kognitive Dissonanz vermeiden. Es besteht dabei eine hohe Motivation, andere Ansichten gar nicht anzuhören, um die eigene soziale Identität nicht zu gefährden. Das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit ist oft wichtiger als die Wahrheit.

Wie groß schätzen Fachpersonen die Gefahr von Fake News und Desinformation für Jugendliche ein, insbesondere im Hinblick auf politische Meinungsbildung?

Laura Niess: Die Gefahr durch Desinformation wird als extrem hoch eingeschätzt. Heutzutage handelt es sich nicht mehr um einfach erkennbare Fake News, sondern um perfekte Nachahmungen (Mimikry) von journalistischen Formaten und Techniken, um Seriosität vorzutäuschen. Klassische Strategien der Propaganda werden in sozialen Medien weiterhin verwendet. Das fängt an beim „Name Calling“, also dem gezielten Abwerten vonRomeo Gayon Gegnern, und geht bis zu den „Glittering Generalities“, der Verwendung emotional aufgeladener Begriffe wie Freiheit oder Gerechtigkeit, die eher Reaktionen als echtes Nachdenken auslösen. Auch das „Band Wagon“-Prinzip ist sehr wirkungsvoll. Durch künstlich gepushte Likes wird ein Mehrheit Gefühl simuliert. Menschen orientieren sich eher an dem, was vermeintlich alle glauben, und können so leichter auf Falschinformationen reinfallen. Außerdem ist es in sozialen Medien nicht immer leicht zu erkennen, wer wirklich ein Experte ist und Ahnung von bestimmten Themen hat. Dadurch wird es vor allem für Jugendliche schwieriger zu entscheiden, welchen Akteuren sie glauben sollen. Auch wird oft ein wissenschaftlicher Konsens, beispielsweise die Existenz des Klimawandels, in sozialen Medien als kontroverses Thema dargestellt, um Unsicherheit zu verbreiten und das Vertrauen in die Wissenschaft zu schwächen.

Ein zentrales Risiko bei der Meinungsbildung ist der sogenannte Illusory Truth Effect. Das Gehirn stuft Informationen, die es wiederholt hört, automatisch als glaubwürdiger ein. Die Forschung zeigt, dass dieser Effekt auch dann auftritt, wenn Menschen es eigentlich besser wissen. Allein die mehrfache Aufnahme derselben falschen Information reicht, um das gespeicherte korrekte Wissen sozusagen zu ignorieren. In Bezug auf die politische Meinungsbildung bedeutet das also, dass Desinformation umso leichter als Wahrheit eingestuft wird, je öfter sie im Feed erscheint. Hier ist auch das Problem der Algorithmen zu erwähnen, die eher kontroverse Inhalte in den Vordergrund bringen und so Desinformation und Fake News eine dauerhafte Präsenz geben. Diese Risiken und Probleme werden sich meiner Meinung nach durch KI nur noch weiter verstärken, da es immer leichter wird, auch ganze Videos zu fälschen. Wenn visuelle Beweise durch Deepfakes ihre Glaubwürdigkeit verlieren, wird fast unmöglich, zwischen realem Geschehen und Desinformation zu unterscheiden. Das kann auf der einen Seite dazu führen, dass Menschen eher falschen Informationen glauben, auf der anderen Seite sinkt auch das Vertrauen in die Wahrheit an sich.

Man sollte demnach vor allem Jugendlichen beibringen, wie sie Fake News und Desinformation erkennen können und wie man Informationen auf ihre Richtigkeit überprüft.

Kontaktperson:

Laura Niess

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