

Lautlose Gewalt: Die Macht der digitalen Demütigung
2/5/20264 min read
Lautlose Gewalt: Die Macht der digitalen Demütigung
von Selina Hart
Draußen auf dem Pausenhof herrscht eine übliche Stimmung: Lachen, Schreien und das Geräusch von Turnschuhen auf dem Asphalt. Oftmals bemerkt man heutzutage nur noch wenige Konflikte zwischen Klassenkameraden, da sie meist lautlos stattfinden - durch die Geräte in der Hosentaschen von Schülern. Mit der Einführung der Digitaltechnik hat sich das Klassenzimmer entgrenzt. Mobbing hört jetzt nicht mehr nach der letzten Schulstunde auf, sondern verfolgt Betroffene bis in ihr Zuhause. Um zu verstehen, wie diese stillen Konflikte die Psyche verändern und es überhaupt dazu gekommen ist, befrage ich heute mit Lisa Frauenknecht, der Schulpsychologin des Carolinum-Gymnasium Ansbach. Sie übt diesen Job zwar noch nicht lange aus, konnte aber dennoch meine Fragen kompetent beantworten.
"Cybermobbing ist kein neues Phänomen – aber was hat sich Ihrer Erfahrung nach durch die ständige Verfügbarkeit von Social Media in den letzten zwei Jahren am massivsten verändert?"
Frau Frauenknecht hat bei dieser Frage nochmal betont, dass sie erst seit einem halben Jahr Berufserfahrung sammelt, daher bezieht sie sich bei dieser Frage mehr auf ihre eigene Wahrnehmung in den Social Media Apps. Laut ihr hat sich die Hemmschwelle erschreckend verändert, sie sinke immer weiter: egal wie positiv ein Beitrag sei, irgendjemand wird es immer schaffen, Hass darunter zu säen. Wir erleben eine Flut an Beleidigungen, die mittlerweile nicht nur öffentlich zu sehen sind, sondern bis in die Privatnachrichten vordringen. Diese Art von Aggression würden sich nur wenige trauen, jemandem ins Gesicht zu sagen. Sie beobachtet bei ihrer eigenen Nutzung, dass die Leute sich gern hinter der Anonymität verstecken.
Auf die Frage, woran das ihrer Meinung nach liegt, sagt sie nach kurzer Überlegung, dass es an der intensiven Nutzung und der technischen Leichtigkeit liegt. Man kann heutzutage kaum noch nachvollziehen, wer eine Nachricht verfasst hat. Man kann in Sekunden einen “Fake Account” erstellen und aus dem Schatten heraus agieren, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, diese Unsichtbarkeit macht Täter mutig und animiert sie zu ihren Taten.
“Warum ist die psychische Belastung beim digitalen Mobbing eigentlich so viel höher als bei den klassischen, physischen Konflikten auf dem Pausenhof?”
Der entscheidende Faktor ist laut Frauenknecht der Verlust des Rückzugsortes. Ein Streit auf dem Pausenhof ist örtlich und zeitlich begrenzt, wenn man nach Hause geht, ist erstmal Pause. Beim Cybermobbing gibt es diesen “Safe Space” wohl nicht mehr. Die Angriffe verfolgen die Betroffenen bis in ihre Kinderzimmer, mitten in der Nacht, in dem eigentlich geschützten Raum, es herrscht eine immer anhaltende Alarmbereitschaft ohne Pausen.
“Spielt dabei auch die Ungewissheit eine Rolle, wer eigentlich am anderen Ende der Leitung sitzt?”
Absolut. Auf dem Pausenhof weiß man genau, wer vor einem steht, doch im Netz herrscht eine quälende Anonymität. Man weiß oft über einen langen Zeitraum nicht, wer hinter einem Account steckt, wenn er einen anderen Namen benutzt. Besonders heimtückisch ist es, wenn eine einzige Person vortäuscht, eine ganze Gruppe zu sein. Das bedrückende Gefühl, von einer unsichtbaren Masse umgeben zu sein, erzeugt einen enormen Druck, den wir bei seelischen Konflikten so nicht sehen.
“Wir sehen einen Trend zu KI-generierten Inhalten und Deepfakes. Wie wirkt sich diese neue Form der technischen Demütigung auf das Schamgefühl der betroffenen Jugendlichen aus?”
Das Problem liegt hier laut der Interviewpartnerin in der Perfektion der Täuschung, man kann “Fälschungen und Realität heute oft gar nicht mehr unterscheiden”. Das Gefährliche dabei sei, auch wenn ein Bild zwar technisch Fake ist, glauben viele Leute trotzdem oft, was sie sehen. Dieses Tool wird oft als Möglichkeit genutzt, um Jugendliche in Situationen zu zeigen, die so nie stattgefunden haben, oft sogar im Zusammenhang mit sexualisierten Inhalten. Obwohl die visuelle Demütigung nicht echt ist, ist sie trotzdem für das Schamgefühl der Opfer verheerend, da sie echt wirkt, egal wie oft man beteuert, dass es eine KI war.
“Wird den Betroffenen in solchen Fällen überhaupt noch geglaubt?”
Nach einem Kopfschütteln erwidert Frauenknecht, dass das genau der Punkt sei. Oft wird den Opfern nicht geglaubt, was die psychische Last noch vergrößert. Man steht unter Rechtfertigungsdruck für etwas, das man nie getan hat.
“Glauben Sie, dass diese Form des Mobbings in Zukunft weiter zunehmen wird?”
Das sei schwer vorherzusagen, aber die Tendenz sei eindeutig: die Tools werden immer einfacher zugänglich und mittlerweile von allen Altersklassen genutzt. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, für die wir als Gesellschaft kaum Schutzmechanismen entwickelt haben.
"Viele Schulen setzen auf punktuelle Projekttage – reicht das aus, oder brauchen wir angesichts der algorithmischen Filterblasen eine radikal andere Form der Medienbildung?"
Projekttage sind ein super Einstieg und absolut sinnvoll, um die Relevanz des Themas überhaupt sichtbar zu machen. Medienbildung ist aber trotzdem ein kontinuierlicher Prozess, sie verändert sich rasend schnell, als Beispiel nennt Frauenknecht wie natürlich der Umgang mit KI geworden ist. Deshalb muss das Thema die gesamte Schullaufbahn begleiten.
“Also weg vom Aktionismus, mehr hin zum Alltag?”
Die Expertin stimmt hier direkt zu, es geht darum, Informationen ständig zu reflektieren. “Welche Quellen sind verlässlich? Wie gehen wir respektvoll miteinander um?” sagt Frauenknecht. Elemente einer “digitalen Ethik” müssen für Vertiefung immer wieder eingebaut werden, sodass es kein einmaliges Event, sondern ein Dauerlauf ist.
“Wenn sie eine einzige Sofortmaßnahme an Schulen gegen Cybermobbing durchsetzen könnten, welche wäre das?”
Frauenknecht betont hier eine radikale Aufklärungskampagne, die den Fokus auf die psychologische Barriere legt. Ihr ist es wichtig, dass junge Menschen verstehen, was Cybermobbing alles für Betroffene bedeutet: Isolation, Einsamkeit, Ratlosigkeit und Angst. Man muss den Opfern das Schamgefühl nehmen, man muss ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind und dass das Schweigen gebrochen wird, das dieses Phänomen so gefährlich macht.
Frau StRefin Lisa Frauenknecht
Schulpsychologin am Carolinum Gymnasium Ansbach
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